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Begegnungen mit Jesus – Freund der Sünder

Mich mag zwar keiner, aber ich bin auch nicht hier, um Freunde zu finden… Das war so ungefähr meine Einstellung und dadurch bin ich ehrlich gesagt auch ziemlich reich geworden. Ein Jude im Dienst der Römer ist ja sowieso schon eine heikle Sache, doch als oberster Zolleinnehmer war es mir auch ein Leichtes, hier und dort etwas Geld abzuzwacken. Natürlich verachteten mich die anderen Juden dafür. Wir Zöllner stehen bei ihnen ja auf einer Stufe mit den ganz schlimmen Sündern. Naja, aber an die verächtlichen Blicke hatte ich mich gewöhnt und wenn ich es mir abends in meinem luxuriösen Haus gemütlich machen konnte, dann war es mir das auch irgendwie wert.

Dann gab es natürlich auch nicht so gute Tage, da trafen mich die Vorwürfe und die Ablehnung der anderen doch ein wenig. Und manchmal wünschte auch ich mir echte Freunde, die mich verstehen und nicht nur wegen meines Geldes nett sind. Aber solche Gefühle durfte ich nicht zulassen, schließlich war ich nicht durch Nettigkeit und Gefühlsduselei zu diesem Erfolg gelangt. Vielleicht war es auch einfach nur pure Neugier die mich dazu trieb, auf einen Rabbi aufmerksam zu werden, den man auch „Freund der Sünder“ nannte. So etwas hatte ich noch nie zuvor gehört. Den wollte ich schon gerne mal kennenlernen.

Tatsächlich hörte ich schon bald, dass er durch Jericho kommen würde. Blöd war nur, dass es sich schon herumgesprochen hatte und jeder ihn sehen wollte. Mein Geld hat mir ja vieles ermöglicht, aber hier konnte ich damit leider nichts erreichen. So musste ich mich mit allen anderen in die Menge quetschen. Leider bin ich nicht sonderlich groß und Rücksicht auf einen Zöllner nimmt natürlich auch niemand. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. So schnell wollte ich noch nicht aufgeben, ich musste diesen Lehrer sehen, von dem ich schon so viel gehört hatte.

An dem Weg, den Jesus – so hieß der Rabbi – nehmen sollte, standen ein paar Maulbeerfeigenbäume. Zugegeben, ein Mann meines Berufes klettert normalerweise nicht auf Bäume, doch ich fand meinen Einfall genial. Vor dort oben konnte ich die ganze Straße und die Menge überblicken. Dann war es auch schon so weit, Jesus näherte sich der Stelle, an der ich Position bezogen hatte. Ich hatte schon so viel von ihm gehört und war unglaublich gespannt, ihn einmal aus nächster Nähe zu sehen.

Nächste Nähe ist auch ein gutes Stichwort, denn als Jesus an meinem Baum vorbeikam, da richtete er seinen Blick nach oben und sah mir genau in die Augen. Ich war völlig verdutzt. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn eigentlich wollte ich ja erstmal nur einen Blick auf diesen außergewöhnlichen Mann werfen. Doch dann sah er mich mit einem liebevollen Blick an – mich Zachäus, den man sonst nur verfluchte und verächtlich oder gar ängstlich ansah. Vielleicht wusste Jesus auch einfach nicht, wer ich war und was ich für einen Ruf hatte… Mensch, am liebsten hätte ich ihn zu mir eingeladen und ihm so viele Fragen gestellt; irgendwie dachte ich, er könne mir Antworten geben. Aber nein, das konnte ich nicht tun, denn auf einmal wurde mir bewusst, dass die anderen Juden mich berechtigterweise mieden und verachteten. Ich hatte sie betrogen. Ich fühlte mich schrecklich. Trotz meines vielen Geldes war ich nicht würdig, diesen Mann in mein Haus einzuladen.

Immer noch sah Jesus mich an. Wusste er, was ich getan hatte? Aber warum verurteilte er mich dann nicht? Wunderte er sich, warum ein Mann meines Standes im Baum hockte? Aber warum machte er sich dann nicht wie alle anderen über mich lustig? Warum interessierte er sich überhaupt für mich? Ich wollte ihn das so gerne fragen, aber ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, denn inzwischen schämte ich mich wirklich, meine jüdischen Brüder so verraten und betrogen zu haben.

Alle Augen auf mich gerichtet und nach einer gefühlten Ewigkeit sprach Jesus dann: „Zachäus, komm von dem Baum herunter, denn ich möchte heute bei dir essen.“ Mein Herz blieb beinahe stehen und ich fiel fast aus dem Baum. Jesus kannte meinen Namen! Kannte er auch meine Gedanken? Warum sonst sollte er sich als Essensgast in meinem Haus ankündigen? Ich war sprachlos, doch ich kletterte so schnell ich nur konnte von diesem Baum herunter. Ich war so glücklich über diese Ehre und hielt es fast für einen Traum.

Allerdings holte die Realität mich schnell wieder ein, als die anderen zu murren begannen, weil Jesus bei einem Sünder wie mir einkehren wollte. Die Verachtung tat weh, aber ich konnte sie ja sogar verstehen. Wenn Jesus wirklich ein Freund der Sünder war, dann wollte ich mich unbedingt mit ihm darüber unterhalten, denn er würde mich sicherlich verstehen. Doch eine Entscheidung traf ich bereits in diesem Moment und ich nahm allen Mut zusammen, um sie öffentlich vor Jesus zu verkünden: „Die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben und jeden, den ich betrogen habe, dem will ich es vierfach zurück erstatten“. Alles Weitere würde ich später beim Essen mit Jesus klären, doch dieses Eingeständnis musste ich sofort machen, als ich meinen Fehler erkannte.

Ich kann nur sagen, das Essen und das Gespräch mit Jesus haben mich verändert. Ich kann es heute noch kaum fassen, wie freundlich und gütig er zu mir war. Alle haben sich mich „Sünder“ genannt und ich habe mir einfach ein dickes Fell wachsen lassen und weiter gemacht. Doch je gnädiger Jesus zu mir war, desto mehr erkannte ich die Wahrheit über mich selbst: Ja ich bin tatsächlich ein Sünder, aber ich bin auch ein Sohn Abrahams. Jesus sagte zu mir: „Heute hat dieses Haus Rettung erfahren“ und das glaube ich ihm. Von nun an ist Schluss mit Stehlen und Erpressen. Man hat mir ja schon vieles nachgesagt und an den Kopf geworfen – zu Recht – aber Sohn Abrahams hat mich noch keiner bestätigt. Was für eine unfassbare Gnade, solch eine zweite Chance zu bekommen.

(frei nach Lukas 19, 1-10)


Zum Nachdenken:

  • In Römer 2,4 heißt es: „Begreifst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr bringen will?“ Bei Zachäus sieht man das deutlich. (Wie) hast du das erlebt?
  • Lässt du dich von dem Spott der Masse, der Gesellschaft, deiner Größe, deinem Ruf oder irgendetwas anderem davon abhalten, einen klaren Blick auf Jesus zu bekommen?

 

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Literatur:
Exell, Joseph S. „Commentary on Luke 19:4“. Preacher’s Complete Homiletical Commentary. https://www.studylight.org/commentaries/phc/luke-19.html. Funk & Wagnalls Company, 1892.

 

 

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