Bibel

Die Ersten werden die Letzten sein…

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Meistens wird der Bibelvers so herum zitiert. Denn wenn es uns ungerecht erscheint, dass sich jemand vorgedrängelt oder einen Vorteil verschafft hat, dann beruhigen wir uns doch gerne damit, dass schon irgendwie für Gerechtigkeit gesorgt werden wird. Die Ersten werden die Letzten sein, oder wie wir es manchmal vielleicht eher meinen: »Mach ruhig, du wirst schon sehen, was du davon hast.«

Doch woher kommt dieser Vers eigentlich und was will Jesus damit wirklich ausdrücken?

In Matthäus 20,1-16 erzählt er das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Früh morgens zog der Besitzer aus, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er fand auch welche, einigte sich mit ihnen über den Tageslohn und schickte sie an die Arbeit. Später stellte er weitere Arbeiter ein und kurz vor Feierabend abermals. Als es dann Zeit war, den Lohn auszuzahlen, bekam jeder das Gleiche, egal wie lange er gearbeitet hatte.

Unfair, oder? Das fanden die Arbeiter auch. Sie beschwerten sich und versuchten es mit guten Argumenten. Doch der Besitzer antwortete:

Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? Nimm das Deine und geh hin! Ich will aber diesem Letzten so viel geben wie dir. (Mt 20,13-14)

Soll ich ehrlich sein? Ich mag dieses Gleichnis nicht sonderlich, denn im Prinzip hat der Besitzer Recht und wir keinen Grund zu meckern. Trotzdem ist es einfach nicht fair! Es kann doch nicht sein, dass einer viel leistet und dasselbe bekommt wie einer, der wenig leistet. Oder doch?

Das Gleichnis endet mit dem viel zitierten Vers über die Ersten und die Letzten, doch der geht in Wahrheit so: »So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein« (v.19, Hervorhebung von mir). In der Reihenfolge, dass die Letzten die Ersten sein werden, hören wir den Vers nicht so oft. Warum eigentlich nicht? Wie schon erwähnt, Gerechtigkeit empfinden wir anders.

Ich gebe es zu, eine spontane Reaktion auf dieses Gleichnis war: Was stehen die auch faul rum, die hätten doch auch für ihr Geld arbeiten können? Sollen die jetzt auch noch für Nichtstun und Faulheit belohnt und die anderen für Fleiß bestraft werden?

 

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. (Hebräer 4,12)

Ähm, ja das hab ich wohl deutlich zu spüren bekommen, als ich in Matthäus 20,15 weiterlas…

Blickst du darum neidisch, weil ich gütig bin?

 

Autsch!

 

Worum geht es in diesem Gleichnis also wirklich? Das erfahren wir gleich am Anfang, nämlich um »das Reich der Himmel« (Mt 20,1). Es geht also darum, dass Menschen, die später zum Glauben finden nicht weniger gerettet sind als die, denen es quasi in die Wiege gelegt wurde. Es geht darum, dass wir von Gott eben NICHT nach unseren Leistungen bezahlt werden (Gott sei Dank!) sondern nach seiner Gnade und die ist für alle, die ihn bekennen, gleich.

Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch — Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. (Epheser 2,8-9)

Alle sind schuldig geworden und spiegeln nicht mehr die Herrlichkeit wider, die Gott dem Menschen ursprünglich verliehen hatte. Aber was sich keiner verdienen kann, schenkt Gott in seiner Güte: Er nimmt uns an, weil Jesus Christus uns erlöst hat. (Röm 3,23-24 HFA)

 In diesem Fall bin ich dann wieder wirklich froh, dass ich nicht meinen gerechten, sondern meinen versprochenen Lohn bekomme.

 

Mir ist aber heute noch ein ganz anderer Aspekt an dieser doch recht bekannten Geschichte aufgefallen: mein Blickwinkel. Wer (außer mir) behauptet denn, dass die zuletzt eingestellten Arbeiter faul waren? Wer sagt denn, dass sie sich um die Arbeit gedrückt haben? Sehen wir uns doch einmal an, was die Arbeiter selbst sagen: »Es hat uns niemand eingestellt!« (Mt 20,7).

Stell dir vor, sie wollten vielleicht genauso arbeiten, wie die anderen. Sie waren total motiviert und voller Zuversicht und wurden einfach nicht ausgewählt. Sie wollten ja, aber sie hatten keine Chance. Vielleicht waren sie einfach nicht gut genug. Vielleicht sahen sie nicht kräftig genug aus. Vielleicht stimmte mit ihnen auch alles, aber sie wurden einfach übersehen. Bitter! Ich kenne das Gefühl…

Und auf einmal habe ich Mitleid und sehe nicht mehr die Ungerechtigkeit in der gleichen Bezahlung, sondern freue mich, dass diese Männer, die die Hoffnung vielleicht schon fast aufgegeben hatten, doch noch ausgewählt wurden.

John Gill’s Exposition bestätigt mir, dass ich mit diesem Gedanken tatsächlich nicht ganz falsch liege. Gill beschreibt, wie die Aussage »Es hat uns niemand eingestellt!« auf die Heiden zutrifft, die eben bislang nicht zu Gottes auserwähltem Volk gehört hatten und somit nicht dieselben Chancen genossen wie die Juden.1 So bin ich abermals froh darüber, dass nicht nur die Ersten die Letzten, sondern auch die Letzten die Ersten sein werden. Auf einmal ändert sich meine Reaktion auf dieses Gleichnis von „wie unfair“ zu „Oh gut, gleiche Chance für alle“. Alles eine Frage des Blickwinkels.

denn ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus; denn ihr alle, die ihr in Christus hinein getauft seid, ihr habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus angehört, so seid ihr Abrahams Same und nach der Verheißung Erben. (Gal 3,26-28)

 

 

 

Quellen:

Bibeltext der Schlachter Übersetzung
Copyright © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1204 Genf

Hoffnung für Alle® (Hope for All)
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(1) Gill, John. „Commentary on Matthew 20“. „The New John Gill Exposition of the Entire Bible“. http://www.studylight.org/commentaries/geb/matthew-20.html. 1999 (Abrufdatum: 20. Juli 2017)

 

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