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Ganz oder gar nicht

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Ich mache selten halbe Sachen. Bei mir gab es eigentlich schon immer nur ganz oder gar nicht. Früher kam es mir wie ein Fluch vor, denn die breite Masse schien sich immer in der großen Grauzone der Unverbindlichkeit zu bewegen. Ehrlich gesagt schienen sie damit aber auch glücklich zu sein, deshalb musste ich ja davon ausgehen, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Warum konnte jemand einen Freundeskreis von 25 Leuten pflegen und ich hatte, wenn ich Glück hatte, eine Freundin? Warum haben sich manche einfach für alles interessiert und wussten zu jedem Thema etwas zu sagen und ich nicht? Warum konnten Leute sich von einer Beziehung in die nächste stürzen und das auch noch aufregend finden? Warum konnten sie mal ein bisschen Sport treiben und ich musste mir sofort einen Halbmarathon zum Ziel setzen? Und warum konnten sie die halb aufgegegessene Gummibärchentüte wieder zurücklegen? (Ich bin übrigens sehr froh, dass es inzwischen kleine Tütchen gibt…) Was stimmt mit mir nicht, dass ich das alles nicht kann?

Meine Mutter hat schon immer gesagt: „Nur weil es alle tun ist kein Grund es auch zu machen“. Aber auf Mütter hört man ja im Allgemeinen eher selten, besonders wenn sie Recht haben. Warum also wollte ich mit aller Kraft „normal“ sein und meinen ganz-oder-gar-nicht Charakter in die Unverbindlichkeit verbiegen? Weil die anderen doch so glücklich aussahen und weil so viele Leute sich doch nicht irren können.

Dann wurde ich Christ. Jetzt war es angesagt „anders“ zu sein und gegen den Strom zu schwimmen. Doch auch unter Christen entdeckte ich die scheinbar erstrebenswerte Grauzone in der sich die breite Masse befindet. Wir sollen zwar dienen, aber wir müssen doch auch auf uns selber achten, riet man mir. Man muss sich ja auch mal was gönnen dürfen und nicht jeden Spaß verbieten. Wir sollen ja nicht weltfremd werden. Aber so war ich nie und so werde ich auch nie sein. Ich frage mich also allen Ernstes, was mich wohl dazu gebracht hat zu glauben, ich könnte ein bisschen Christ sein? Ich rede nicht davon, regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen, die Bibel zu lesen oder ein vorbildliches Leben zu führen. Darum war ich, wie man so schön sagt, stets bemüht. Nein, ich stand viel mehr vor dem Dilemma vorbildlicher Christ sein zu wollen und es gleichzeitig nicht zu können. Was macht man da? Das was alle mir geraten haben, sich in der Masse verstecken.

Es war DIE miserabelste Zeit meines Lebens.

Vor einem Jahr las ich dann das Buch Not a Fan. In dem Buch ging es um den Unterschied zwischen „Jesus toll finden“ und der Bereitschaft ihm zu folgen. Da war auch wieder meine altbekannte Frage: ganz oder gar nicht? Aber diesmal sah ich sie als Segen und nicht als Fluch, denn der Autor machte ziemlich deutlich, Jesus kann man nicht ein bisschen folgen.

In allen anderen Dingen des Lebens schützt die Kunst unverbindlich zu bleiben mich vielleicht vor Verletzungen, aber bei Jesus muss ich mir die Frage nicht stellen, wann er mich das nächste Mal fallen lassen oder enttäuschen wird. Niemals! Warum fiel es mir also in dieser einen Sache so schwer, die ganz-oder-gar-nicht Frage zu beantworten?

Angst. Angst zu versagen.

Tagebucheintrag vom 18.4.16:

Ich möchte gerne sagen „Jesus ich folge dir egal wohin“ aber ich weiß jetzt schon, dass ich das „egal wohin“ nur bedingt meine, weil ich einfach vor manchen Dingen viel zu viel Angst habe. Sage ich also Gott „egal wohin“ in der Hoffnung, dass ich es irgendwann auch wirklich so meine oder belüge ich ihn und mich selbst, wenn ich solche waghalsigen Versprechen mache? Wenn ich mir noch nicht sicher bin, sage ich dann lieber ehrlich „noch nicht“ oder nehme ich mir vor anzufangen, obwohl ich noch nicht weiß, ob ich es wirklich will? Ich denke ich kenne die Antwort, denn „später“ ist vermutlich die Aussage, die Jesus am meisten aufgeregt hat aber ich will auch kein Heuchler sein.

Soll ich euch noch ein Geheimnis verraten? Ich habe es getan und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Nein ich konnte die Tragweite meiner Entsheidung noch überblicken – und kann es immer noch nicht. Es war auch nicht immer alles rosig und die Kosten der Nachfolge mag ich auch niemandem verschweigen. Es kamen einige Dinge ans Licht, die ich an mir selber nie erkannt hätte und die mich wirklich schockierten und es kamen Herausforderungen, aber ich habe es noch nicht einen Tag bereut mich für „egal wohin“ entschieden zu haben.

Angst habe ich immer noch. Ich habe Angst bei der Gottesdienstmoderation zu versagen. Ich habe Angst mich mit meinem Zeugnis und meiner Lebenseinstellung lächerlich zu machen. Ich habe Angst absoluten Quatsch zu schreiben. Ich habe Angst als Freundin zu versagen. Ich habe Angst Jesus zu enttäuschen. Aber diese Angst regiert mich nicht mehr und ich spüre nicht mehr so sehr den Druck, das zu tun was alle anderen tun. Gott hat meinen Fluch in einen Segen verwandelt und ich genieße das Abenteuer in vollen Zügen. Manche Dinge erfordern einfach eine mutige Entscheidung.

(PS: Was sich für mich mutig anfühlt ist für jemand anderen vielleicht schon alltäglich oder aber scheinbar unerreichbar. Doch das ist eine weitere Sache, die ich an einer persönlichen Beziehung mit Jesus schätzen gelernt habe: er kenn mich und mein Tempo und fordert mich, aber überfordert nicht.)

Warning: Following Jesus may be dangerous! – Kyle Idleman

Wer hat eigentlich gesagt, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, um uns Sicherheit zu geben? – Mark Batterson

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