BibelGottes WilleSpezielle Themen

Ich verstehe es einfach nicht…

Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt. (1. Kor 13,12, HFA)

Nervt euch dieser Vers genauso wie mich? Macht euch das auch wahnsinnig wenn ein Spiegel, eine Scheibe oder von mir aus auch Brillengläser beschlagen oder verschmiert sind und ihr einfach nicht viel erkennen könnt? Wurmt es euch auch, nicht zu wissen, was los ist, wie es weiter geht oder was ansteht? Gehört ihr auch zu denen, die nach dem Sinn fragen? Dann willkommen im Club. Der Vers oben steht zwar unter dem Thema „Liebe“, aber die Aussage passt einfach auf so viele Dinge.

Auch wenn ich recht abenteuerlich bin, brauche ich meine Eckdaten und meine Anhaltspunkte. Ich möchte wissen, worauf ich mich einlasse und was mich erwartet und vor allem möchte ich verstehen, warum ich es tue. Nicht mit undeutlichem Bild und trübem Spiegel und so, zumindest, wenn ich das Sagen hätte. Leider (glücklicherweise?) habe ich das nicht.

In der Predigt ging es heute um Josef und darum, was wir von ihm über Gelassenheit und Gottvertrauen lernen können. Josef war 17 als er in die Sklaverei verkauft wurde (1. Mo 37,2). Ok, er kommt ein wenig arrogant rüber mit dem Bericht seiner Träume und seinem ach so tollen Mantel, aber er war, zumindest nach heutiger Auffassung, noch ein Kind. Ich frage mich, was das mit ihm gemacht hat…

Ich habe mich mit 19 FREIWILLIG entschlossen, um die halbe Welt zu reisen, er wurde von seinen eigenen Brüdern verkauft. Ich wusste, wo ich wohnen würde, was mein Job sein würde, wer mein Ansprechpartner bei Problemen sein würde und wann ich nach Hause zurückkehren würde. Er wusste nichts dergleichen. Ich habe 3 Monate fast pausenlos geweint und mich gefragt, warum um alles in der Welt ich diese bescheuerte Entscheidung getroffen hatte (welche sich im Nachhinein übrigens als total gesegnet und richtig herausstellte). Ich frage mich, ob Josef auch geweint hat? Später beim Wiedertreffen mit seinen Brüder ja, aber hat er wegen seiner misslichen Lage, seiner unfairen Behandlung oder Gottes scheinbarer Tatenlosigkeit geweint? War er sauer? Verzweifelt? Genau wissen wir das nicht, wir lesen nur, dass der Herr bei ihm war und ihm Gelingen schenkte (1.Mo 39,23).

Josef trat also seinen Dienst für Potifar, den Oberbefehlshaber der königlichen Leibwache, an und wir lesen und von seiner faszinierenden Arbeitsmoral und Treue (1. Mo 39). Durch Josefs Erfolg kann man ja schon wieder etwas Hoffnung für ihn sammeln und denken „ok, er musste jetzt das eine erleiden, damit Gott ihn in Pharaos Palast groß rausbringen kann…“ In den Palast wäre er anders sicherlich nie gekommen, wenn er nicht als Sklave dort gelandet wäre. Es sieht so aus, als hätte Gott ihm diesen Weg bewusst geebnet. Das macht Sinn und ich mag es, wenn Dinge Sinn machen. Gott hat etwas Schlechtes genommen (verraten und verkauft zu werden) und hat etwas Gutes draus gemacht (einen gottesfürchtigen Mann in eine hohe Position gebracht). Hauptsache, es macht jetzt Sinn, dann musste Josef wenigstens nicht umsonst leiden. Oder?

In meinem Fall sah das parallel so aus: Gott ist mir in meinem Heimweh begegnet und hat mein Leid dazu genutzt, dass ich überhaupt erst offen war, auch nur an seine Existenz zu glauben. Auch das macht Sinn, Schlechtes zu Gutem gewendet und so weiter, ihr wisst was ich meine.

-ENDE-

 

Zumindest wäre das so, wenn ich das Sagen hätte. Leider/glücklicherweise habe ich das immer noch nicht.

In der wahren Geschichte, wartet nämlich schon der nächste wirklich unfaire Schicksalsschlag auf Josef. Der arme Kerl wird fälschlicherweise der Vergewaltigung beschuldigt und wird ins Gefängnis geworfen. Dort musste er 13 Jahre bleiben! Zwischendurch dann ein Hoffnungsschimmer in Form eines Versprechens. Josef hatte seinen Mithäftlingen Träume gedeutet und einer davon, der Mundschenk, versprach ihm, dafür ein gutes Wort bei Pharao für ihn einzulegen. Doch er hielt sein Wort nicht.

Als Josef endlich entlassen wurde und wieder in die Dienste des Pharao treten durfte, war er bereits 30 Jahre alt. Der Rest der Geschichte ist dann wirklich gut und ohne große Zwischenfälle: Durch Josefs Position kann er seine Familie aus einer Hungersnot retten und er versöhnt sich letztendlich mit seinen Brüdern und dient als grandioses Beispiel für Gottvertrauen und Vergebung.

Im Nachhinein liest sich das super, doch was ist mit den 13 Jahren mittendrin? Hat Josef je gezweifelt? War er ungeduldig? Hat er sich je gefragt, ob er Gott falscht verstanden hat oder er ihn verlassen hat? Ich weiß es nicht, ich kann mir nur vorstellen, was er gedacht haben muss. Nein, ich korrigiere, ich kann mir nur vorstellen, was ICH gedacht hätte…

Da sieht man endlich den Sinn hinter etwas, was Gott tut oder zulässt und dann ist die Geschichte aber nicht zu Ende, sondern es kommt einfach die nächste Sache, die ich nicht verstehe. Gott sagt selber von sich:

Denn wie der Himmel die Erde überragt, so sind auch meine Wege viel höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. (Jes 55,9 HFA)

Trotzdem habe ich diesen natürlichen Drang, seine Wege erklären zu wollen, um mir -oder anderen- manches erträglicher zu machen. Ich bin so fasziniert davon, wie Josef scheinbar komplett ohne solche Fragen nach dem Sinn und der dazugehörigen Wut, Verzweiflung, Unverständnis auskommt und einfach nur dort, wo er hingestellt wird, seinen Dienst treu verrichtet. Ich höre kein Jammern, keine Beschwerden keine Zweifel. Wenn er sie hatte, dann hatte er einen noch größeren Glauben. Wirklich ein starkes Beispiel, der liebe Josef. Es hätte jeder verstanden, wenn er sich als Opfer oder ungerecht behandelt gesehen hätte. Doch alles, was ich höre ist:

Macht euch keine Vorwürfe, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn Gott wollte es so! (1. Mo 45,5 HFA)

Das sagt er zu seinen Brüdern, die ihm nun reumütig gegenüberstehen. Aber lest nochmal genau, Josef sagt nicht nur, dass ER ihnen keine Vorwürfe (mehr) macht und er ihnen vergeben kann. Alleine das wäre ja schon eine starke Leistung. Nein er, der Verratene und Verkaufte, baut seine Brüder jetzt auch noch auf und erzählt ihnen etwas von Gottes guten Absichten. Ich wiederhole mich, aber aus dem arroganten Teenager ist für mich ein wirkliches Vorbild geworden. Jeder von Josefs Schritten schreit für mich „Gott ich vertraue dir, was auch immer passiert“.

Meine Geschichte hörte natürlich auch nicht da auf, wo ich verstanden hatte, dass ich nur bereit war, Gott zuzuhören, weil es mir nicht gut ging. Seither bin ich Gott noch einmal um die halbe Welt zurück gefolgt. Zwischendurch dachte ich mal „jetzt verstehe ich, warum Gott das so und so eingefädelt hat“. Doch dann kam der Moment wo ich wieder nach Hause sollte und ich mich ernsthaft fragte, ob Gott sich nicht langsam mal entscheiden könne. Dieses Hin- und Her machte keinen Sinn. Nach 8 Jahren kann ich versuchen, es zu erklären weil ich eine ganz anderen Blick auf die Dinge habe, ich kann es aber auch einfach lassen. Ich kann auch versuchen einen Sinn darin zu sehen, warum Gott mich in diese Stadt, in diese Gemeinde, an diese Arbeitsstelle gestellt hat, oder ich kann einfach eine gute Arbeit abliefern und ihm Vertrauen, dass er mehr versteht als ich und es gut machen wird. Wenn ich heute eins von Josef gelernt habe, dann ist es:

Es ist nicht schlimm, wenn ich es nicht verstehe! Ich brauche meine Energie nicht darauf verschwenden, zu erklären, warum Gott so handelt wie er es tut.

Versteh mich nicht falsch, neugierig bin ich immer noch und ich kann es nicht abwarten es mir im Himmel alles haarklein erklären zu lassen (wenn es mich dann noch interessiert und ich an etwas anderes als Gottes Herrlichkeit denken kann…) Aber für hier und heute ist es nicht meine Aufgabe, einen unerklärbaren Gott erklärbar zu machen. Meine Rolle ist vielmehr, einem vertrauenswürdigen Gott zu vertrauen.

 

  • Kannst du dich in Josefs Situation hineinversetzen? Was würde es mit dir machen, mehrfach so ungerecht behandelt zu werden?
  • Wäre dein Ende vom Lied auch „Macht euch keine Vorwürfe, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn Gott wollte es so!“? Wie ist Josef wohl dorthin gekommen?
  • Wo fällt es dir schwer, einen Schritt im Glauben zu gehen, weil er weder Sinn macht, noch erklärbar ist?
  • Was bräuchtest du, um Gott so zu vertrauen, wie Josef es getan hat?

 

 

Bibelverse:
Hoffnung für Alle® (Hope for All)
© 1983,1996, 2002, 2009, 2015 by Biblica, Inc.®

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere