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Hilfe, ich bin ein Kleinkind!

Wer Erfahrung mit 2-3 Jährigen Kindern hat, wird die folgende Situation bestens nachempfinden können… die Erkenntnis liegt für mich zwar schon einige Jahre zurück, aber manchmal trifft sie auch heute noch zu. Jedenfalls war ich vor einigen Jahren AuPair für eine Großfamilie. Der damals Jüngste war circa 2 Jahre alt und hatte einen ausgeprägten Bewegungsdrang gepaart mit wirklich interessanten (aber nicht immer erfreulichen) Einfällen. Kurzum, er hielt mich ganz schön auf Trab. Dazu kam noch, dass er scheinbar ein Gespür dafür hatte, wann er anfangen musste zu nörgeln und zu quengeln und auf den Arm zu wollen, nämlich genau dann wenn die Waschmaschine fertig war oder die Nudeln überkochten oder das Telefon klingelte…

Dann sah er mich mit seinen großen Augen an, streckte die Arme aus und verlangte: „Pick me up! Pick me up!“. Meist konnte ich ihm auch nicht widerstehen, aber das Problem war weniger das unpassende Timing, als sein Tatendrang. Denn sobald er auf meinem Schoß war und ich dachte, „Ok, kuscheln wir, die Wäsche kann warten, Beziehung ist wichtiger“, fing er auch schon wieder an, sich zu drehen und winden. Er wollte wieder runter. Mehr als einmal habe ich frustriert gedacht: „Rauf oder runter aber biiiiiiiiteeee entscheide dich!“.

Eines Morgens als ich, mit meinem unentschlossenen 2 Jährigen im Kinderwagen, spazieren ging und die Gebetsanliegen meiner Kleingruppe durchsah, fiel mir eins ganz besonders ins Auge. Es ging darum, Gott zu vertrauen und in ihm Ruhe zu finden. Ruhe… Da traf es mich und ich schlug mir im Geiste mit der flachen Hand vor dir Stirn:

„Herr, hab Erbarmen, ich bin dein geistliches Kleinkind!“.

Körperlich hatte ich diese Phase längst hinter mir gelassen, aber im Gebet rannte ich gefühlt ständig zu Gott und schrie: „Arm! Arm!“. Doch sobald ich dann das Gefühl hatte, ihm begegnet zu sein und es mir besser ging, wollte ich sofort wieder mit allen meinen Aufgaben und Aktivitäten weitermachen. Warum konnte ich mich nicht einfach mal ein paar Minuten bei ihm ausruhen und einfach nur seine Gegenwart genießen? Es war fast so, als sei alles andere interessanter.

Wenn es dir noch nicht aufgefallen ist, probiere es gerne aus, aber manchmal ist es gefühlt einfacher mit einem Stachelschwein zu kuscheln, als mit einem wissbegierigen und willensstarken Kleinkind mit Vision…

Da ist es eigentlich kein Wunder, dass Gott uns sagt:

„Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!“ (Ps 46,11 LUT)

 

∼∼∼∼∼

Dieser Gedanke ist jetzt fast 9 Jahre her und es hat sich seitdem doch einiges verändert. Ich denke schon, ich habe inzwischen gelernt, meine Stille Zeit ganz anders und bewusster zu genießen. Früher hatte ich auch oft das Gefühl, gestresst zu sein und möglichst viel schaffen zu müssen und alles sehen zu wollen. Heute weiß ich, dass Gott sich nicht hetzen lässt und meine Geschäftigkeit seine Pläne nicht schneller vorantreiben wird. Ich sehe Stille Zeit nicht länger als „Nichtstun“ sondern als ganz aktive Vorbereitung auf was auch immer Gott als nächstes in meinem Leben verwirklichen will.

Wo wir aber eben bei Kindern waren, sehe ich tatsächlich einige Parallelen zwischen der gesunden natürlichen Entwicklung und unserem geistigen Wachstum.

Ein wirklich kleines Kind, ein Baby, ist auf Erwachsene angewiesen. Wenn es hungrig ist, muss es gestillt werden, denn es kann sich nicht selber füttern. Fortbewegen kann es sich auch nicht selbst, sondern muss getragen werden. Wenn es Unwohlsein verspürt, ist es auf die Hilfe anderer angewiesen. Und wenn es hart auf hart kommt, ist Mama oft die einzige, die es beruhigen kann.

Dann lernt das Kind laufen und sprechen und weiß auf einmal was es will, und hat eine genaue Vorstellung, wie es das erreichen kann. Der Lieblingssatz eines 2 Jährigen ist: „Ich bin groß, ich kann das alleine!“  Für die persönliche Entwicklung ist das ein wichtiger Schritt, für Eltern und Erzieher oftmals ein Grund zum Zähneknirschen. Natürlich kann das Kind nicht alles alleine. Überzeugt ist es davon trotzdem und unsere Hilfe nicht länger erwünscht.

Sind wir nicht auch oft so mit Gott? Danke, dass du mich kurz getröstet hast als es wirklich schlimm war, aber jetzt komm ich wieder alleine klar… Und wer möchte schon gerne klein sein? Im Prinzip wollen wir doch alle groß und selbständig sein, egal ob wir es sind, oder nicht.

David schreibt in Psalm 131,2:
„ Ja, ich ließ meine Seele still und ruhig werden; wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.“ (LUT)

In der natürlichen Entwicklung werden wir immer selbständiger, bis wir irgendwann ein komplett eigenständiges Leben führen können. Und das ist gut so. Doch wenn es um meine Beziehung zu Jesus geht, zeigt meine Erfahrung, dass sie wesentlich schöner und intensiver ist, wenn ich mir zugestehe nicht alles zu können und mich einfach wie ein kleines Kind von ihm tragen lasse.

 

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