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Heilig, aber nicht perfekt – Das Problem mit dem Perfektionismus

Heilig nicht perfekt

Ich hasse meinen Perfektionismus und doch kann ich es einfach nicht lassen. Eigene Fehler sind mir abgrundtief peinlich, ungerechtfertigte Anschuldigungen kann ich nicht auf mir sitzen lassen und wenn ich mir unsicher bin, verfalle ich lieber in Schockstarre, als eine Fehlentscheidung zu riskieren. Das ist echt anstrengend! Nicht nur für mich, sondern auch für alle um mich herum. Und schwups, allein diese Erkenntnis, dass ich für andere anstrengend sein könnte, möchte mich schon wieder in eine Abwärtsspirale ziehen:
„Jetzt hab ich das schon wieder vermasselt, was ist das bloß für ein Zeugnis?“
„Wenn die wüssten, was ich alles gemacht hab, dann würden die nicht mehr im Gottesdienst neben mir sitzen wollen…“

Meistens bin ich zwar mein eigener schlimmster Kritiker, aber wenn du lange genug Christ bist und das ganze nicht verheimlichst, dann hast du dich garantiert auch schon den kritischen Augen deiner Familie, Kollegen, und anderen Mitmenschen aussetzen müssen:
„Da hat die so abgelästert und DIE will Christ sein? Nee, nee…“
„Ach, sowas darfst du sicher nicht, du bist ja Christ, ne?“

Woher kommt bloß dieser Gedanke, dass Christen immer perfekt sein müssen? Warum dürfen wir uns keine Fehler erlauben und werden dreimal so kritisch beäugt? Warum fühlen wir uns direkt als Heuchler, wenn wir nicht immer unseren eigenen Standards gerecht werden?

Zugegeben, so Bibelstellen wie die folgende helfen mir dabei nicht sonderlich:

„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott!“ (3. Mose 19,2)

Und nur gesetzt den Fall, dass wir das als Altes Testament abtun wollen, erinnert uns 1. Petr. 1,16 freundlicherweise noch einmal daran: „denn es steht geschrieben“.

Hat mein Perfektionismus also doch einen Grund? Muss ich als Christ also doch zu jeder Zeit vorbildlich handeln und darf mir keine Fehler erlauben? Eigentlich ist es egal, wie ich die Fragen beantworte, denn passieren wird es so oder so.

Letzte Woche dann die erste Erleichterung in Form eines Zitats von Manfred Böttcher, dass ich auf der Seite Ohne Limit Geliebt entdeckte:

 

„Heilig ist kein Qualitätsmerkmal, das Gott verleiht, sondern ein Eigentumsnachweis.“ Wie befreiend ist das, wenn man darüber mal gründlich nachdenkt?

Wenn ich wirklich verstehe, dass „heilig“ kein Qualitätsmerkmal ist, dann brauche ich mich auch nicht schlecht oder als „Christ zweiter Klasse“ zu fühlen, wenn ich mal wieder etwas nicht geschafft habe. Wenn ich „heilig“ nicht als Qualitätsmerkmal sehe, dann kann ich mich in meinem Perfektionismus entspannen und den Leistungsdruck herunterfahren. Wenn „heilig“ nichts mit meiner Qualität zu tun hat, dann kann ich auch endlich das „müsste, sollte, könnte“ Denken aus meinem Kopf verbannen. Wenn mich ein Fehltritt also nicht sofort das Gütesiegel „heilig“ kostet und mich zu B-Ware degradiert, dann kann ich auch einiges an Verbissenheit aus meinem Glauben herausnehmen.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, WER derjenige ist, der in 1. Petrus die Heiligen Schriften zitiert, dann macht der Vers auch viel mehr Sinn. Wenn sich einer mit Versagen auskannte, dann ganz gewiss Petrus. Obwohl er sich sicher war, – und es auch vorlaut herausposaunte – dass er sogar für Jesus sterben würde, dauerte es nicht lange, bis er ihn dreimal verleugnet hatte. Das Gütesiegel „heilig“ im Sinne von „perfekte Qualität“ hätte er somit definitiv nicht verdient.

Den Gedanken, dass „heilig“ kein Bewertungsprinzip darstellt, sondern vielmehr einen Besitzanspruch anmeldet, finde ich wirklich befreiend. Perfektionismus adé! Ein Eigentumsnachweis verliert nicht seine Gültigkeit, auch wenn ich manchmal dagegen rebellieren will.

Wir definieren den Begriff „Heilige“ doch oft als nahezu fehlerlose, besonders fromme oder vorbildliche Menschen. Dabei heißt „heilig“ eigentlich nur „abgesondert“, von perfektem Verhalten keine Rede. Ich muss zugeben, abgesondert klingt für mich auch ein wenig nach Ausschussware, deshalb mag ich die englische Übersetzung „set apart“ viel lieber. Denn das bedeutet so viel wie „herausgenommen aus“ oder „zur Seite gestellt für“. Und das trifft es ja auch ziemlich genau: Gott hat uns, die er „heilig“ nennt, aus der Gefangenschaft der Sünde herausgeholt und in ein Leben in Freiheit gebracht. Dass er einen Eigentumsanspruch anmeldet, schließt für mich Freiheit nicht aus. Vielmehr sehe ich es als klare Botschaft an das Reich der Finsternis: „Die könnt ihr nicht mehr haben, sie gehört jetzt mir – „heilig“ – seht ihr?“

Ihr wisst, um welchen Preis ihr freigekauft worden seid, damit ihr nun nicht mehr ein so sinn- und nutzloses Leben führen müsst, wie ihr es von euren Vorfahren übernommen habt. Nicht mit Silber und Gold seid ihr freigekauft worden – sie verlieren ihren Wert –, sondern mit dem kostbaren Blut eines reinen und fehlerlosen Opferlammes, dem Blut von Christus. (1. Petr. 1,18-19)

 

  • Was bedeutet dir der Begriff „heilig“?
  • Was zeigen dein Leben und deine Eigenarten dir, was du vielleicht unbewusst über dieses Thema glaubst?

 

Quellen:
Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Bibeltext der Schlachter Übersetzung
Copyright © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1204 Genf

Bild: https://ohnelimitgeliebt.de/impuls/heilig-ist-kein-qualitaetsnachweis/

 

 

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