Gemeindeleben

Vom „ihr“ zum „wir“

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„Nur als Besucher in eine Gemeinde zu gehen ist ein bisschen so wie heute das WM Finale – man guckt es, es ist unterhaltsam, aber wirklich mitfiebern tut man irgendwie nicht mehr seit Deutschland raus ist“, sagte gestern jemand im Gottesdienst und ich fand die Beschreibung wirklich sehr treffend. 

Auch ich habe das Finale gestern gesehen (zumindest den Anfang, danach haben mich Kopfschmerzen außer Gefecht gesetzt, deswegen gibt es den Blogpost auch erst heute Abend). Jedenfalls war es ein wirklich spannendes Spiel aber zwischendurch hörte man immer mal wieder jemanden fragen: „Für wen sind wir nochmal?“

Ich glaube wirklich, dass uns das auch in unseren Gemeinden so gehen kann. Der Gottesdienst ist spannend und erfrischend, aber wieviel wir letztendlich mitnehmen, wie sehr wir uns damit identifizieren oder wie sehr wir mitfiebern hängt doch sehr stark davon ab, mit welcher Einstellung wir hingehen. Stehen auf dem Spielfeld Pastor, Band und Gebetsteam und wir freuen uns auf spannende 90 Minuten oder bringen wir ein „wir“ Gefühl mit?

Als Deutschland Weltmeister wurde, habe ich absolut gar nichts zum Sieg beigetragen, trotzdem waren „wir“ Weltmeister weil „unser“ Team gesiegt hatte. Mir ist erst wirklich bewusst geworden, was für einen Unterschied das macht, seit ich dabei bin, in einer neuen Gemeinde anzukommen. Natürlich passiert das mit dem „wir“ nicht über Nacht und für meinen Geschmack geht es manchmal sogar viel zu langsam (aber das ist wohl eine persönliche Präferenz). Jedenfalls kommt man immer erst einmal als Gast und dann merkt man irgendwann „das passt“ oder „das passt nicht“. Bei mir hat es jetzt gepasst und ich befinde mich auf dem Weg vom „ihr“ zum „wir“. 

Die Themen, ob man als Christ unbedingt eine Gemeinde braucht, welchen Stellenwert Mitgliedschaft hat und wie viel man sich einbringen sollte, die will ich hier gar nicht diskutieren. Mitunter gibt es da sehr schlimme Wunden und heikle Gründe für oder gegen. Da will ich definitiv nicht dran. Aber falls euch meine Meinung interessiert, ich verstehe das so, dass wir als Christen die Gemeinschaft brauchen, weil sie uns gut tut und weil Gott sich das mit dem einen Leib einfach so ausgedacht hat. 

Wenn du das auch so siehst oder dich das Zitat angesprochen hat, du aber einfach nicht so genau weißt, wie du das anstellen sollst und wie der Weg vom „ihr“ zum „wir“ praktisch aussehen kann, dann krame ich gerne ein wenig in der Erfahrungskiste für dich. Vielleicht bist du auch neu in einer Gemeinde; vielleicht gehst du aber auch schon Jahre lang dorthin, fühlst dich aber irgendwie abgehängt. Vielleicht fühlst du dich auch eigentlich ganz wohl, fragst dich aber, ob es nicht doch noch mehr gibt. Möglicherweise hast du auch schon eine Menge probiert und ich erzähle dir nichts neues, aber vielleicht ist ja auch der eine oder andere Gedankenanstoß dabei.

 

Vom „ihr“ zum „wir“:

Werde Teil eines Hauskreises oder einer Kleingruppe

Sonntags morgens ist es schwer, sich wirklich kennenzulernen. Vielleicht findet man sich sympathisch oder entdeckt gemeinsame Interessen, doch dann hilft es, wirklich Zeit miteinander zu verbringen. Auch wenn es nicht bewusst so ist, gibt man sich Sonntags morgens meist anders. Hauskreise oder Kleingruppen helfen einfach dabei, sich auch mal „privat“ zu erleben.

Arbeite in einem Team mit

Wenn du ganz neu bist und noch nicht weißt, in welchen Bereich du am besten passt, bietet sich zum Beispiel das Kaffee Team an. Getränke ausschenken können die meisten und so kommt man auch mit vielen ins Gespräch. Warte nicht, bis du gefragt wirst, melde dich! (Da gibt es sicherlich auch Ausnahmen, ich habe mich zum Beispiel mal als Gruppenleiter für eine Women’s Bible Study  angeboten, das kam nicht so gut an, weil man für solche Dienste wohl vorgeschlagen wird. Peinlich… Aber das nur am Rande, lasst euch nicht abschrecken, es gibt überall genug zu tun und man muss ja nicht oben anfangen…)

Rede vom „wir“

Wenn du von deiner Gemeinde erzählst, sagst du dann häufiger „die machen das so und so“ oder „wir machen das so“? Das ist oft ein guter Indikator, wo du dich grad Einstellungsmäßig befindest.

Geh auch mal alleine hin

Hört sich doof an, aber ich bin ab und zu ganz froh, wenn ich nicht mit meiner Freundin gemeinsam zum Gottesdienst gehe oder sofort die paar bekannten Gesichter erkenne. Das zwingt mich, mich wieder neu vorzustellen oder mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen. Zu zweit hat man sich gegenseitig, das macht es zwar bequemer aber Bequemlichkeit soll ja der Erzfeind von Fortschritt sein…

Schlage Wurzeln

Wenn der Punkt erreicht ist, an dem du sagt, hier kann ich zu Hause sein, dann hold die Pantoffeln raus und fühl dich zu Hause. Mach dich verbindlich, fühl dich verbindlich (Achtung, ich habe nicht verpflichtet gesagt). Ich meine damit nur, habe die Perspektive und das Ziel dich dort fest zu verwurzeln und einzupflanzen und schließe ruhig ein paar Hintertürchen. Je nach Charakter, Neigung oder Erfahrungen kann das gefährlich klingen, aber es gibt ja auch noch die Feuertreppe für den absoluten Notfall. Nur wer sich alle Möglichkeiten offen halten will, der wird auch zu einem gewissen Grad unverbindlich bleiben.

Freu dich für andere

Das ist jetzt wirklich wie beim Fußball, selbst wenn du nicht auf dem Platz stehst, gerade keine umwerfende Gottesbegegnung hattest, du dir nicht so gesegnet und vielleicht sogar unnütz vorkommst, dann haben „wir“ nach einem siegreichen Spiel trotzdem gewonnen. Feiere mit dem Team! Es ist auch dein Sieg. Sei stolz auf dein Team, auch wenn du das entscheidende Tor nur von der Ersatzbank aus gesehen hast.

Erzähle von deinen Erlebnissen mit Gott

Ich bin ehrlich, wenn ich irgendwo neu bin, dann suche ich mir Anhaltspunkte: Falle ich auf, wenn ich die Hände (nicht) hebe? Gibt es eine (unausgesprochene) Kleiderordnung? Beten die eher laut und energisch oder eher still und ehrfurchtsvoll? Ihr kennt das sicherlich – man ist neu, möchte aber ungern sofort unangenehm auffallen. Letztendlich will ich mich nicht auf ewig verbiegen und verstellen müssen, trotzdem bin ich anfangs eher skeptisch, wenn ich von persönlichen Glaubenserfahrungen erzähle, man weiß ja nie, ob der andere einen dann versteht oder anguckt, als sei man vom Mars. Trotzdem möchte ich sagen: Trau dich über den Smalltalk hinaus. Erzähle von deinen Erlebnissen mit Gott und frage andere nach ihren. Das schlimmste, was passieren kann ist, dass ihr beide Gott völlig unterschiedlich erlebt und anbetet und mit den Geschichten des anderen gar nichts anfangen könnt. Doch viel wahrscheinlicher ist es, dass ihr euch sofort in die Erlebnisse des anderen hineinversetzen könnt. Euer Glaube verbindet euch und sollte jede Menge Gesprächsstoff bieten.

Auch wenn es aus dem Alten Testament kommt ist das folgende Ereignis für mich ein tolles Bild für ein „wir“ Erlebnis, wie ich es mir für meine Gemeinde wünsche:

Da kam Amalek und kämpfte gegen Israel in Rephidim. Und Mose sprach zu Josua : Erwähle uns Männer und zieh aus, kämpfe gegen Amalek! Morgen will ich auf der Spitze des Hügels stehen, mit dem Stab Gottes in meiner Hand. Und Josua machte es so, wie Mose ihm sagte, und er kämpfte gegen Amalek. Mose aber und Aaron und Hur stiegen auf die Spitze des Hügels. Und es geschah, solange Mose seine Hand aufhob, hatte Israel die Oberhand; wenn er aber seine Hand sinken ließ, hatte Amalek die Oberhand. Aber die Hände Moses wurden schwer, darum nahmen sie einen Stein und legten den unter ihn, und er setzte sich darauf. Aaron aber und Hur stützten seine Hände, auf jeder Seite einer. So blieben seine Hände fest, bis die Sonne unterging. Und Josua überwältigte Amalek und sein Volk mit der Schärfe des Schwertes. (2. Mose 17,8-13)

 

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